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Natur- und Geisteswissenschaften

Es ist ein großer Irrtum, die Natur- und die Geisteswissenschaften für zwei grundsätzlich verschiedene Angelegenheiten zu halten. Man glaubt zu erkennen, dass die Natur oder die Materie etwas Grundverschiedenes vom Geist oder der Geschichte ist, und glaubt deshalb zum Schluß kommen zu können, dass die erste eine strenge, systematische Wissenschaft zulässt, während die zweite nur intuitiv und kreativ zu betreiben ist.

Sicher kann man sich mit den Erkenntnissen auf zweierlei Weise beschäftigen: formal-theoretisch und sinnhaft-ideenmäßig. Doch es ist nicht so, dass die Physik tatsächlich nur formal-theoretisch betrieben würde, sondern es ist bereits viel Interpretation darin. Ja sogar in der Mathematik wird viel hineininterpretiert. Die Wissenschaften von aller Ideologie zu befreien ist ein Ideal, aber doch keine Tatsache in irgendeinem geschichtlichen Zeitpunkt (schon gar nicht in der Gegenwart). Auf der anderen Seite ist es selbstverständlich, dass man auch in den Geisteswissenschaften formal-theoretisch vorgeht und sich darum bemüht, in dieser Richtung fortzuschreiten.

Aber nicht alles, was der Mensch macht, muss auch wissenschaftlich sein. Geschichte muss interpretiert werden, das ist kulturell von der allergrößten Bedeutung. Der Fehler, den wir heute machen, ist hier auch zu glauben, dass die Physik keiner Interpretation bedarf. Was wir damit erreichen, ist nichts anderes, als mit einer schlechten Physik-Interpretation auskommen zu müssen.

Sowohl Natur- wie Geisteswissenschaften sind formal-theoretisch (oder sie haben das Stadium der Wissenschaft noch nicht erreicht). Kulturell müssen sowohl die Ergebnisse der Natur- wie die der Geisteswissenschaften (und zwar auch als Ganzes) interpretiert werden. Wo das Formal-Theoretische (in Natur- wie in Geisteswissenschaften) fehlt, ist die Wissenschaft schwach. Wo das Deutende (in Natur- wie in Geisteswissenschaften) fehlt, ist die Kultur arm.

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