Es ist höchst paradox, ja ein Skandal, dass, obwohl die Wissenschaft sich selbst als sehr fortgeschritten empfindet und darstellt, man nicht wirklich weiß, was man eigentlich weiß (s. Wissenschaft und Wahrheit). Denn es gibt keine Stelle, wo die Resultate der Wissenschaft amtlich festgehalten werden. Was man eigentlich weiß, weiß man nur informell. Dieses ist keine Kleinigkeit, sondern etwas, das die Grenze der heutigen Wissenschaft darstellt und das verhindert, dass wir zu neuen Ufern kommen. Denn erstens liegt die Entscheidung darüber, welche Kenntnisse nun gesichert und welche bloße Spekulation oder falsch sind, im Urteil des Einzelnen, also wird die Frage nach dem Wahrheitsgehalt zu einer bloß subjektiven Angelegenheit heruntergespielt. Zweitens kommen wir auf dieser Weise in der Epistemologie nicht vom Fleck, und so beharren wir auf völlig unangemessene Begriffe von Wahr- und Falschheit, einfach deswegen, weil wir in der Wissenschaft darüber nicht sprechen.
Was man in der Wissenschaft tun sollte, ist, die Erkenntnisse mit einem Wahrheitsgehalt zu versehen. Die wissenschaftlichen Institutionen sollten nicht nur die Erkenntnisse tatsächlich in amtlichen Publikationen auflisten, sondern diese auch in Kategorien je nach Grad der erreichten Sicherheit einteilen. Denn es ist nicht dasselbe, ob man etwas erst seit zwei Jahren weiß, oder seit zwei Jahrtausenden, und auch nicht dasselbe, ob man auf einer Theorie basierend viel Technik aufgebaut hat, oder ob die Theorie noch keine Früchte gebracht hat. Wichtig ist hier, dass die Einschätzung des Wahrheitsgehalts nicht mehr vom Einzelnen gemacht wird, sondern auch zum wissenschaftlichen Betrieb gehört.
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