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Wirklichkeitsgefühl

Was lässt in uns ein Wirklichkeitsgefühl entstehen? In erster Linie die Sinneswahrnehmung. Was die Augen und Ohren erschließen, und noch mehr das, was der Tastsinn erschließt, das halten wir für real. Aber wir halten viel mehr für wirklich, als das, was uns die Sinnesorgane unmittelbar belegen, und unter all dem steht, immer, die Sprache.

So wird häufig etwas Erlebtes erst dann zu Wirklichkeit, wenn wir davon mit anderen sprechen. Was zunächst nur dunkle persönliche Eindrücke waren, wird durch das darüber Sprechen zu fester gemeinsamer Realität — wobei man sich nicht selten die Sache zurechtzimmert.

Wirklichkeitsgefühl haben wir auch des Geldes wegen. Das rührt daher, dass wir mit diesen sprachlichen Ausdrücken sehr sorgfältig umgehen und keine Ungenauigkeit dulden. Wenn ich Ricola-Bombons für 1,80€ kaufe, dann zahle ich 1 € und 80 Cent, nicht 1 Cent mehr und nicht 1 Cent weniger. Und wenn ich mich an die Regeln nicht halte, bekomme ich es mit der Polizei, dem Gericht und dem Gefägnis zu tun. Und dieser physische und gesellschaftliche Widerstand lässt in mir Wirklichkeitsgefühl entstehen.

Wirklichkeitsgefühl hat auch ein Programmierer gegenüber dem Code, den er schreibt, vor allem dann, wenn er gegen den Compiler zu kämpfen hat, der seine syntaktischen und anderen formalen Fehler sofort entdeckt und nicht durchgehen lässt. Und man hat ein viel stärkeres Wirklichkeitsgefühl mit einer modernen Entwicklungsumgebung, die sofort und unbestechlich reagiert, als mit einem einfacheren System, das alles durchgehen lässt. Hier ist der logische Widerstand des Compilers, was das Wirklichkeitsgefühl entstehen lässt.

Sowohl im Falle des Geldes wie im Falle des Computerprogramms ist — wie beim Tastsinn — der Widerstand, was Wirklichkeit aufbauend ist. Es ist nicht der sprachliche Ausdruck als solcher, sondern die Tatsache, dass man sich peinlich genau an ihn hält und keine Abweichung duldet. Dies erklärt zum Beispiel, warum man in der Mathematik viel weniger Wirklichkeitsgefühl empfindet. Die sprachlichen Ausdrücke an sich sind genauso real, nur wir halten uns nicht so streng an sie, denn das Blatt Papier reagiert nicht, wenn ich etwas mathematisch Falsches darauf schreibe, und die mathematische Sprache ist nicht vollständig formalisiert, und man meint nicht genau, was da steht, sondern etwas, das man dem entnimmt. Eben dieses erklärt, dass, obwohl es seit über zweitausend Jahren schon Mathematik gibt, man noch nicht darauf gekommen ist, dass man es darin mit Textstrukturen — und allein mit Textstrukturen — zu tun hat.

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