In der Welt gibt es einerseits Texte, andererseits Ideen. Es handelt sich um zwei Grundwirklichkeiten, die voneinander völlig getrennt aufzufassen sind.
Der Text ist ein symbolisches Gebilde, ein Ausdruck durch Symbole, der bestimmte Beziehungen zwischen Symbolen darstellt. Der Text in der laufenden Rede ist die Syntax der Sätze und die Morphologie der Wörter. Der Text in den Büchern ist dieses zusammen mit der Gliederung in Kapiteln, der Mehrschichtigkeit durch Fußnoten, usw. Der Text in der Mathematik ist die syntaktische Analyse der Sätze. Der Text in der Softwareentwicklung ist die syntaktische und lexikalische Analyse des Quellcodes, so wie ein Compiler sie durchführt. Der Text im Recht ist der Wortlaut der Gesetze. Der Text in der Wissenschaft ist das symbolische Gebilde, das sämtliche Theorien und Tatsachenwissen bilden. Jeden Text sehen alle Menschen jederzeit gleich: Jeder sieht da — Sprachkompetenz vorausgesetzt — grundsätzlich dieselben Symbole und dieselben Bezeihungen zwischen ihnen.
Eine Idee ist eine Vorstellung, die ein bestimmtes Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt. Die Ideen sind nicht vermittelbar, denn jeder erfährt grundsätzlich nur die eigenen und nur in der Gegenwart. Allein im uneigentlichen Sinne lässt sich von einer gesellschaftlichen Idee sprechen, wenn wir soziale Phänomene meinen, die sich durch in gewissem Sinne ähnliche Ideen von verschiedenen Menschen auszeichnen. In einem sogenannten Ideenaustausch werden keine Ideen ausgetauscht, sondern jeder versucht, die Ideen des anderen nachzuvollziehen.
So klar diese zwei unterschiedliche Begriffe sind, so klar muss man auch deren Einsatz auseinanderhalten. Wenn wir irgendetwas unternehmen, sollten wir uns fragen: Haben wir es nun mit Texten oder aber mit Ideen zu tun? Denn wie wir vorgehen sollen, was wir zu vermeiden haben und was wir davon erwarten können, ist jeweils etwas völlig anderes.
Einen Text setzt man zum Beispiel ein, um Kenntnis über eine Tatsache zu erlangen, oder um in einer Gruppe oder in der Gesellschaft eine Entscheidung zu treffen oder eine Richtlinie festzulegen. Hier basiert der Erfolg auf dem treffenden Ausdruck. Man diskutiert, bis man die richtige Formulierung erreicht hat. Es ist in solchen Diskussionen der Sache nicht förderlich, die eigenen Vorstellungen einzubringen, denn es geht ausschließlich um den symbolischen Ausdruck. Den Text setzt man ein als Zweck, um etwas (Erkenntnis, Gesetze, Einigung) zu erreichen.
Eine ganz andere Bewandtnis hat es mit den Ideen. Wenn man die Ideen anderer nachzuvollziehen versucht, bemüht man sich, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wenn der Ideenaustausch über Worte stattfindet, so geht es darum, den vom Ansprechpartner geäußerten Text genauso zu interpretieren, wie er selber es tut. Eine Idee nachvollziehen, bedeutet, die Sachen so aufzufassen, wie die Idee es tut, das heißt, diese Idee als Wahrheit zu erfassen. Eine Idee kann man nicht kritisieren: Wenn eine Idee A eine andere Idee B für falsch hält, so liegt A unbedingt eine Auslegung von B zugrunde, die nicht selbst B ist. Aber die Ideen anderer nehmen wir nicht wahr, also legen wir nicht die Idee B aus, sondern etwas, das wir für deren Ausdruck halten. Das heißt, in der Kritik kommt die eigentliche Idee B gar nicht vor! Eine Idee A für wahr zu halten, setzt hingegen gar keine andere Idee voraus.
So müssen wir uns etwa in der wissenschaftlichen Diskussion fragen: Wozu reden wir hier? Um des Wissens Willen. So geht es uns um den Text, wir sollen über Formulierungen reden, sie kritisieren und verbessern, und auf unseren persönlichen Vorstellungen verzichten. So müssen wir uns etwa in der Politik fragen: Wozu reden wir? Um Entscheidungen zu treffen. So geht es uns um den Text, wir können nicht erwarten, uns über Ideologien zu einigen, sondern über Gesetze und Maßnahmen. So müssen wir uns in jeder Debatte fragen: Haben wir hier einen praktischen Zweck, oder geht es uns hier darum, den Anderen zu verstehen? Nur im letzteren Fall geht es uns um Ideen, dann spielt der Wortlaut und dessen logische Konsistenz eine untergeordnete Rolle. Wenn es um Text geht, kann man — ja sollte man sogar — die Worte des Anderen umdeuten. Wenn es aber um Ideen geht, hat es überhaupt keinen Zweck, dem Anderen die Worte im Mund herumzudrehen.
Siehe auch: Wirklichkeit: Materie, Text, Idee, Text und Realität.
Kommentar hinterlassen