Indem man unbedachterweise von dem Sinn der Sprache redet, als hätte ein Satz oder ein Text überhaupt so etwas wie eine Bedeutung, fällt man mit der Tür ins Haus. Es handelt sich um einen Irrtum, der mindestens in zweierlei Hinsicht verkehrt ist.
1. Normatives für Deskriptives halten
Wenn man davon ausgeht, jeder Satz habe eine Bedeutung, nimmt man im Grunde Folgendes an: jeder Satz hat eine richtige Bedeutung. Denn jeder weiß, dass man Sprache missverstehen kann. Jeder Satz kann falsch aufgefasst werden, also hat jeder Satz mehr als einen möglichen Sinn. Aber das Urteilen darüber, ob ein Sinn nun richtig oder falsch ist, ist alles andere als eine triviale Angelegenheit und hängt grundsätzlich davon ab, worauf wir eigentlich aus sind: Ein und dieselbe Auslegung eines Satzes oder Textes kann je nach dem, worauf wir hinaus wollen, angemessen oder verkehrt sein. Die Richtigkeit der Sprache ist also etwas, das außerhalb der Sprache liegt. Der Begriff der richtigen Bedeutung eines Satzes gehört nicht zu einer deskriptiven Linguistik. Redet man über Sinn der Sprache, ist man unbedingt ins Normative gelangen. (Ein deskriptives Bedeutungswörterbuch im strengen Sinne kann es nicht geben. Man muss unbedingt darüber entscheiden, ob in einem gegebenen Fall man das Wort richtig oder falsch eingesetzt hat, was letztendlich eine Frage des Stils ist. Man nennt in der Praxis ein Wörterbuch dann deskriptiv, wenn man nur in ganz eindeutigen Fällen normativ agiert. Ein solches Kriterium mag für den Alltag ausreichen, für die Wissenschaft natürlich nicht.)
2. Der reale Bezug der Sprache übersehen
Jeder Satz bzw. Text hat historisch unendlich viele Bedeutungen bekommen, und zwar abhängig davon, in welcher realen Situation er eingesetzt wurde. Das, was wir sprechend be-deuten, worauf wir hinweisen, ist kein Hirngespinst, sondern etwas verdammt Reales. Was wir beschreiben, beurteilen oder wünschen ist ein Wirkliches, das sich nicht aus der Sprache selbst, sondern aus der Welt ergibt. Der Sinn der Sprache ist nichts Sprachliches: Die Physikerin macht redend Physik, der Dichter redend dichtet, der auskunftgebende Fußgänger redend informiert, die Politikerin macht redend Politik, der Richter übt redend Rechtsprechung aus. Nicht: Weil ich (überhaupt) Deutsch kann, kann ich einen (beliebigen) deutschen Satz verstehen. Das ist Unfug. Sondern: Weil ich die Physik kenne, kann ich einen physikalischen Satz verstehen. Weil ich mich in der Politik auskenne, kann ich einen politischen Satz verstehen. Und so weiter.
Fazit: Die Annahme, Sprache habe Sinn, ist eine reine Abstraktion, die sich nicht erfolgreich konkretisieren lässt. Eine solche Annahme taugt für die Wissenschaft überhaupt nichts.
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