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Mathematische Evidenz

Die Mathematiker machen sich häufig merkwürdigerweise keine Gedanken darüber, was Evidenz ist. Und doch stellt die Evidenz die Grenze ihrer Untersuchungen dar. Wo das Evidente sich offenbart, da hören sie auf, Beweise zu suchen. Wenigen scheint es aufzufallen, dass das längst nicht für jeden Mitmenschen evident ist, sondern nur für die Mathematiker selbst. Und wer sind die Mathematiker? Wohlgemerkt genau diejenigen, für die dies evident ist. Na also, soll das nun heißen, dass das mathematisch Bewiesene nichts anderes ist als das, was jene Leute, die es evident finden, evident finden? Das Phänomen kommt übrigens in allen Fach- und Sachbereichen vor. Das, was evident ist, wird von den jeweils Eingeweihten bestimmt. Fazit: Die ganze Sach- und Fachkenntnis des Homo Sapiens besteht in den Aussagesätzen, die die, die sie evident finden, evident finden.
Auf diese Überlegung bin ich durch die Philosophie Heideggers gestoßen. Der Beginn seines Werkes Sein und Zeit ist unübertreffbar: radikal, kristallklar, viel versprechend und — evident. Man kann das Gelesene nur für wahr halten, jedenfalls für wahrer, als alles, was man zuvor gedacht, gefühlt, gesehen und gelesen hat. Und wenn man gefragt wird, woher diese Anziehungskraft kommt, kann man nichts anderes sagen als das: Schau mal, es ist doch evident!

{ 1 } Comments

  1. Kurt Gödel | 13.06.07 um 17:01 | Permalink

    Alles Gödel!

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