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Linguistische Grundbegriffe

Linguistische Reduktion
Durch die linguistische Reduktion lässt sich ein linguistisches Phänomen auf ihre linguistische Bestandteile zurückführen. Beispiel: Die Syntaxanalyse eines gerade gehörten Satzes. Ein linguistisches Phänomen ist materiell (hörbar oder sichtbar, etc.) und gegenwärtig (anwesend, nicht im Gedächtnis o. Ä.). Linguistische Phänomene sind: das hier vorliegende Buch, das gerade gesungene Lied, das hier aufgeführte Theaterstück. Die linguistische Reduktion ist ein theoretisches Werkzeug, dessen Ergebnis ein irgendwie aufgezeichneter symbolischer Ausdruck ist. Verschiedene, in verschiedenen Augenblicken oder von verschiedenen Menschen durchgeführte linguistische Reduktionen von demselben Phänomen ergeben ein und denselben symbolischen Ausdruck. Beispielsweise kann die linguistische Reduktion der gestrigen Ausgabe der Tagesschau zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Menschen gemacht werden, führt aber immer zu demselben Ausdruck, und zwar den, der alle Sätze der Sendung in der richtigen Folge wiedergibt, der die Verteilung nach Sprechern berücksichtigt, usw. Bemerkenswert hier ist, dass die linguistische Reduktion die Aussprache, die Bilder usw. vollkommen ignoriert. Sie beschränkt sich auf das Linguistisch-Symbolische.
Partikulärer Text
Ein partikulärer Text ist ein symbolischer Ausdruck als Ergebnis einer linguistischen Reduktion. Beispiel: Das Ergebnis der linguistischen Reduktion der Erstausgabe der KrV. Wichtig ist hier, dass das ursprüngliche Phänomen (die wirklichen Begebenheiten) dem partikulären Text anhaftet. Wenn ich jetzt „hallo!“ sage, und Sie gestern auch mal „hallo!“ gesagt haben, haben wir zwei partikuläre Texte, die zwar symbolisch identisch sind, sich aber im Entstehungszusammenhang unterscheiden und sind daher linguistisch ungleich. Bei der KrV ist ein einzelner partikulärer Text nicht ein Einzelstück, sondern eine Ausgabe. Denn alle Exemplare einer Auflage sind nicht nur symbolisch gleich, sie haben auch den Entstehungszusammenhang gemeinsam. Verschiedene Ausgaben der KrV sind verschiedene partikuläre Texte.
Generischer Text
Ein generischer Text entsteht aus einem partikulären Text, wenn man den Entstehungszusammenhang entfernt. Er ist also das Symbolische in einem linguistischen Ausdruck ohne jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Es gibt also einen einzigen generischen Text „hallo!“, der sich aus den beiden oben erwähnten partikulären „hallo!“-Texten ergibt.
Begriffshierarchie
Die hier definierten Grundbegriffe steigen aus den real gegebenen Phänomenen bis zum Text überhaupt empor. Die Reihenfolge der Definition (Phänomen, Reduktion, partikulärer Text, generischer Text) ist nicht zufällig: Jeder Begriff stellt eine Abstraktion seines Vorgängers dar. Eine Aussage über einen Begriff kann nur dann für wahr gehalten werden, wenn sie für alle seinen Konkretionen gilt. Wenn man etwas über den generischen Text „hallo!“ behauptet, behauptet er gleichzeitig etwas über unendlich vielen partikulären „hallo!“-Texten, auf jeden einzelnen von welchen das Besagte zutreffen muss. Wiederum lässt sich eine Aussage über einen partikulären Text nur dadurch beweisen, dass man sie für jede passende linguistische Reduktion beweist.
Texthierarchie
Nicht nur unter den Begriffen besteht eine Abstraktionshierarchie, sondern auch unter den Einzelfällen von partikulären und generischen Texten. Es gibt zum Beispiel in Bezug auf die KrV diese partikuläre Texte: Erstausgabe, Ausgabe letzter Hand, die von XY herausgegebene Ausgabe, jene Übersetzung, usw. Es liegt nahe, den partikulären Text KrV (überhaupt) als Oberbegriff einzuführen. Wir reden immer noch über einen partikulären, keinen generischen Text (denn wir meinen das von Kant verfasste Werk und nicht etwas bloß Symbolisches), doch auf einer höheren Abstraktionsstufe. Wie in der Begriffshierarchie gilt in der Texthierarchie eine Behauptung nur dann für den Oberbegriff, wenn sie für alle seine Unterbegriffe auch gilt.

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