Worin besteht eigentlich die Objektivität? Objektive Ideen gibt es nicht (die Bezeichnung widerspricht sich selbst, Contradictio in adjecto). Die Objektivität liegt an der Sprache. Objektivität hängt aufs Engste zusammen mit dem, was wir im vorletzten Eintrag die sprachliche Wahrheit genannt haben.
objektiv [Adj] (bildungsspr.): 1. unabhängig von einem Subjekt u. seinem Bewusstsein existierend; tatsächlich: die -en Tatsachen. 2. nicht von Gefühlen, Vorurteilen bestimmt; sachlich, unvoreingenommen, unparteiisch: eine -e Berichterstatterin; sein Urteil ist nicht o.; etw. o. betrachten.
© Duden - Deutsches Universalwörterbuch 2001
1. Unabhängig von einem Subjekt ist die Sprache als symbolisches Gebilde allemal. In einem sprachlichen Ausdruck sieht jeder kompetente Sprecher dieselben Wörter mit denselben morphologischen Eigenschaften, dieselben syntaktischen Beziehungen zwischen ihnen usw. vorkommen. Dies hängt allein vom Ausdruck ab und nicht etwa von dessen physischen Darstellung (ob es schriftlich oder mündlich vorliegt, usw.) Dies hängt auch nicht davon ab, welchen Sinn der Sprecher dem Ausdruck gibt. Das Sprachliche hat also mit den Ideen, die ein Text erweckt, überhaupt nichts zu tun, ist deshalb vom Bewusstsein des Sprechers und des Hörers unabhängig.
Dass die Sprache real ist, dass sie existiert unabhängig davon, ob es gerade ein Subjekt gibt, das sie einsetzt, sieht man sehr schön in den Fällen, wo Sprache ohne Menschen agiert, wie zum Beispiel bei Computern. Ein Rechner führt sprachliche Ausdrücke aus (nicht umsonst spricht man von Programmiersprachen), und durch diese (sprachbasierte) Tätigkeit verrichtet er eine tatsächliche (nichtsprachliche) Arbeit.
2. Gefühle und Vorurteile sind etwas, das den einzelnen Menschen bewegt. Das kann Ideen prägen, das kann aber kein Erfolg oder Misserfolg beim Einsatz der Sprache (als eines symbolischen Gebildes) herbeiführen. Die Gewissheit des Einzelnen über die Richtigkeit eines Satzes hängt klar von dessen Gemütszustand ab, doch dadurch, dass nicht nur ein Mensch und nicht nur ein Mal, sondern viele Menschen unter den unterschiedlichsten Umständen ein und denselben Satz für wahr gehalten haben, gleichen sich die subjektbezogenen Aspekte aus (weil sie nicht in derselben Richtung wirken) und entsteht allmählich eine Gewissheit, die frei von persönlichen Bestimmungen ist.
Man kann einen Satz für (sprachlich) wahr halten, und zwar objektiv. Man ist dann nicht darin einig, dass man den Satz so oder so versteht, sondern darin, dass man (jeweils mit der eigenen Auslegung) genau diesen Satz erfolgreich eingesetzt hat.
Bei einer Angelegenheit hat man dann Objektivität erlangen, wenn man über eine Sprache verfügt, die es einem erlaubt, den einzelnen Sätzen jeweils Wahr- bzw. Falschheit zuzuordnen, und zwar auf präziser, stabiler Weise und ohne Rücksicht auf individuellen Auslegungen.
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