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Wahrheit der Sprache vs. der Ideen

Überraschung: Das Ideal, das man Wahrheit nennt, ist nicht einzig, sondern gibt es zwei davon. Es gibt die Wahrheit der Ideen und die Wahrheit der Sprache und sie sind nicht aufeinander zurückzuführen.
Einiges unterscheidet beide Wahrheitsideale. Darunter etwas Bemerkenswertes: Der Satz des Widerspruchs gilt nur für die sprachliche Wahrheit, nicht für die ideenmäßige. Die Ideen lassen sich nicht widersprechen, sie haben kein Gegenteil.
Wahrheit der Sprache
Ich nenne S den Satz: „Ein Zug fährt gerade ein.“
Ich halte diesen Satz für wahr. Die Wahrheit von S hat unbedingt zur Folge, dass ein Satz –S falsch ist, nämlich: „Kein Zug fährt gerade ein.“
Für jede Aussage A gibt es eine Gegenaussage –A, wobei es gilt, dass, wenn A wahr ist, -A falsch ist, und anders herum. Da sagt man, A und –A widersprechen einander.
Wahrheit der Ideen
Ich nenne I die Idee, die ich habe, wenn ich durch das offene Fenster wahrnehme, dass gerade ein Zug in den Bahnhof einfährt.
Was wäre hier das Gegenteil –I? Es gibt keins!
Ein –I gäbe es nur dann, wenn ich wahrnehmen könnte, dass ein Zug nicht einfährt. Aber diese Auskunft können wir Menschen den Sinnen nicht entnehmen. Es gibt keine Wahrnehmung eines Abwesenden, es gibt nur Wahrnehmung eines Gegenwärtigen. Eine Falschnehmung kennen wir Menschen nicht.
Wenn ich gefragt werde: „fährt gerade ein Zug ein?“ und ich mit „nein“ antworte, so ist hier meine Idee I’, die nicht dasselbe ist wie –I.
I ist: Ich nehme wahr, ein Zug fährt ein. Das ist eine visuelle und akustische Wahrnehmung.
-I wäre: Ich nehme wahr, kein Zug fährt ein. Das sollte auch eine visuelle und akustische Wahrnehmung sein.
I’ ist: Ich sehe den leeren Bahnhof und sonst nichts, ich höre die Vögel zwitschern und sonst nichts. Ich werde gefragt: „Fährt ein Zug ein?“ Wenn ich das Gesehene und Gehörte mit dem Satz „da fährt ein Zug ein“ oder aber mit dem Satz „da fährt kein Zug ein“ vergleiche, so meine ich, der letzte passt dazu, also antworte ich: „nein“. I’ ist also etwas ganz anderes als –I.
Überhaupt kann eine Idee nicht Falschheit auffassen. Eine Idee ist unbedingt die Auffassung eines Wahren. Ein Satz kann hingegen Wahr- oder Falschheit ausdrücken.
Natürlich halten wir manche Ideen für falsch (sonst gäbe es ja kein Wahrheitsideal bei den Ideen und wir würden behaupten, alle Ideen wären einfach wahr, was wir nicht sagen). Aber eine Idee hält eine andere Idee für falsch ohne sie zu widersprechen, weil sie eine ganz andere Art Behauptung ist. Die Ideen können nicht einander widersprechen.
Dies sieht man ganz deutlich darin, dass die Reihe der Negationen so aussieht: S, -S, S, -S, S, -S, … Denn das Gegenteil von „kein Zug fährt ein“ (-S) ist wiederum „ein Zug fährt ein“ (S). Bei den Ideen aber sieht diese Reihe so aus: I, I’, I’’, I’’’, …
I: Ich sehe, ein Zug fährt ein.
I’: Ich dachte gerade, ein Zug würde einfahren, aber es war falsch.
I’’: Ich meinte gerade, ich dachte nur, ein Zug würde einfahren, aber eins fährt doch ein.
I’’’: Ich hab eben gedacht, ich meinte gerade, ich dachte nur,…
Man sieht ja, hier kommt man nie zur ersten Idee I zurück!

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