Es bedarf dringend einer linguistischen Theorie, die Begriffe wie den Sinn eines Textes wissenschaftlich bestimmt. Man geht manchmal davon aus, dass der Sinn ? eines Textes T eine Funktion sei, die man mit einer mathematisch-ähnlichen Notation etwa als ?(T) aufzeichnen könnte. Das ist völlig falsch.
Der richtige allgemeine Ausdruck dafür ist: ?@2(T@1), d. h. man muss nicht von einem Text T überhaupt reden, sondern von dem Text T zusammen mit dem Anlass des Schreibens @1, und man muss nicht von dessen Sinn ? überhaupt reden, sondern von dem Sinn ? zusammen mit dem Anlass des Auslegens @2. Damit trägt die linguistische Theorie der Tatsache Rechnung, dass es den Sinn eines Textes nicht gibt, sondern jeweils eine Familie je nach Schreib- und Auslegungsfall.
In dieser Formel ist der Anlass des Schreibens (@1) die Realität (die Gesamtheit der tatsächlichen Umstände) die das Hervorbringen des Textes umgab. Wenn wir zum Beispiel von dem Sinn der Kritik der reinen Vernunft sprechen, können wir uns nicht auf dem Wortlaut als Zeichenkette beschränken, sondern müssen den Text als das Buch nehmen, dass Kant 1781 zur Veröffentlichung als wissenschaftliche Monographie freigab. Dass auch der Anlass des Auslegens (@2) miteinbezogen werden muss, macht uns darauf aufmerksam, dass der bloße Text T@1 unendlich viele Interpretationen hat, und dass wir das auslegende Subjekt und die Umstände der Auslegung ausdrücklich festmachen müssen.
Eine historische Auslegung eines Werkes ist wissenschaftlich nur deshalb möglich, weil es eine besondere Auslegung gibt, die Unabhängig vom jeweiligen Wissenschaftler ist. Wir können nämlich als Anlass des Auslegens den Zeitpunkt der Veröffentlichung nehmen, und sagen: Wir suchen nach dem Sinn, den der Autor selbst dem Werk beigemessen hat. Da Autor und Veröffentlichung bereits in @1 berücksichtigt sind, können wir diesen ausgezeichneten Sinn so aufzeichnen: ?o T@1, wobei ?o eine richtige Funktion ist (denn o ist kein Argument, sondern ?o ist der ganze Name), allerdings eine Funktion, die nicht auf einen generellen Text T, sondern auf einen partikulären Text T@1 angewendet wird. Diesen speziellen Sinn ?o, der gut definiert und unabhängig vom Beobachter (@2) ist, nennen wir den ursprünglichen Sinn und nehmen wir als das Ziel der historischen Auslegung.
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