Edward O. Wilson sucht in der soeben erwähnten Vorlesung nach einer Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Der amerikanische Biologe strebt nach der Einheit der Wissenschaften, siehe dazu sein Buch Die Einheit des Wissens (Goldmann Verlag, München, 2000).
Seine Suche nach der Einheit, die ich natürlich begrüße, kommt mir in der Ausführung als unzureichend vor. Wilson glaubt, die Einheit der Wissenschaften kann hergestellt werden, indem man neben den heutigen Disziplinen (unter denen er science, humanities, philosophy nennt) neue Brückendisziplinen (in der Art Soziobiologie oder Neuropsychologie) entwickelt. Das halte ich für aussichtslos. Unter den Wissenschaften wird man nur dann eine richtige Einheit herstellen können, wenn man sie alle von Grund auf erneuert. So wohnen die heutige Physik und die heutige Geschichte in parallelen Welten, und wir werden sie nur dann in einem konsistenten Ganzen integrieren können, wenn wir beide gründlich erneuern. Voraussetzung für die Einheit der Wissenschaften ist der völlige Umbau jeder Einzelwissenschaft auf der Basis gemeinsamer Grundlagen. Wenn die Einheit der Wissenschaften einmal erreicht wird, dann wird das ganze Wissen anders aussehen als heute, die Physik und die Geschichte werden ganz anders als die gegenwärtigen sein und sie werden zueinander und zum Ganzen passen.
Der Ansatz Wilsons kommt mir auch insofern zu kurz, als er die Einzeldisziplinen als getrennte Wissenseinheiten auffasst, und dann sich bemüht, Verknüpfungen zwischen ihnen herzustellen. Ich hingegen plädiere dafür, dass jede Disziplin ihre Ergebnisse in das einheitliche wissenschaftliche Korpus integriert. Auf dieser Weise hat die praktische Notwendigkeit, die wissenschaftliche Arbeit in verschiedenen kleinen Organisationen zu betreiben, nicht zur Folge, dass das Ergebnis auch in kleinen getrennten Wissensbereiche zerteilt ist. Indem wir die Wissenschaftler vom Wissen grundsätzlich trennen, vermeiden wir von Grund auf jegliche Parzellierung des Wissens.
Auch nicht einverstanden bin ich mit der Auffassung Wilsons, die Einheit der Wissenschaften sei ein bloßer Wunsch, den man heute nicht selbst als wissenschaftlich einstufen kann, den man nicht rational begründen, sondern nur daran glauben kann. Meine Theorie stellt klar, dass die Wissenschaft definitionsgemäß die Einheit anstrebt. Aus dem Begriff der Wissenschaft als gesichertes Wissen ergibt sich rein logisch der Begriff des einheitlichen, stofflichen, formalen wissenschaftlichen Korpus und daraus zwangsläufig die Einsicht, das wissenschaftliche Wissen strebe nach Einheit. Wenn man überhaupt Wissenschaft betreibt, dann muss man die Einheit alles Wissens anstreben. Sonst betreibt man die Wissenschat nicht allen Ernstes und wird auch nicht alles von ihr erhalten, was sie geben kann.
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