Es gibt nichts weniger Philosophisches als die “Meinungen”, und doch vernimmt man aus der Masse, den Medien und der Universitätsindustrie nichts weiter als Meinungen, auch dann, wenn es vermeintlich um “Philosophie” geht.
Sicher braucht man im täglichen (privaten und gesellschaftlichen) Leben gelegentlich Meinungen, man muss sich ja mal entscheiden und festlegen. Aber sofort über alles ohne einen bestimmten Zweck abgeschlossene Meinungen zu äußern, ist die blödeste Art überhaupt, die Zeit zu vertreiben.
Was auch immer man unter Philosophie versteht, muss dieses irgendwie etwas zu tun haben mit Ideen. Ideen sind das Resultat des Denkens, einer geistigen Tätigkeit. Was kann jemand wohl gedacht haben, der von sich behauptet, er “vertrete” diese oder jene “Meinung”? Das ist nicht denken, da ist keine geistige Bewegung, das ist bloß ein auf eine einmal geäußerte These starrsinniges Beharren. Nix gegen Vertreter, die gehören aber zum Geschäftsleben, deren Tugend liegt in den Einnahmen, nicht in den Ideen!
Das Unerträgliche an unserer Zeit (an jeder Zeit im Modus der Gegenwart?) ist dieser Vertreter-Geruch, diese brüllende Masse, die nicht denkt, sondern nur “meint”. Dies geschieht nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch in der akademischen Tätigkeit. Nehme man ein beliebiges Buch über “Philosophie” und siehe man nach, was man darin findet. Nicht nur die Fülle derer, die nur aus gesellschaftlichen Gründen und nicht aus innerem Drang den Mund aufmachen, sondern auch die akademischen Arbeiten, die sich um Sachlichkeit bemühen, sind nur in der Lage, Meinungen aufzulisten und formal-unsinnig gegeneinander auszuspielen.
Sieht man denn nicht, dass Philosophie keine Theorie ist? Ich kann mir gut vorstellen, dass jemand an Theorie interessiert ist. Aber dann soll er sich gefälligst mit dieser oder jener Einzelwissenschaft, meinetwegen mit einem allgemeinen Organon für die Wissenschaft überhaupt beschäftigen. Aber dazu braucht man ein Wort wie “Philosophie” überhaupt nicht. Ein solches Wort ist hier sogar völlig unangebracht und kontraproduktiv. Aus der Wissenschaft sind Ideen grundsätzlich möglichst fern zu halten!
Wenn wir ein Wort wie “Philosophie” brauchen, dann sicher nicht, um aus dem Zusammenhang gerissene Meinungen zu sammeln, sondern um unsere eigene geistige Tätigkeit zu hegen und pflegen. Es geht nicht um jene überlieferten Texte, in dem was sie meinen, sondern um seine Auswirkung auf uns, es geht im Endeffekt um unsere gegenwärtige Denktätigkeit. Es geht darum, jene Texte zu interpretieren, um die ursprünglichen Ideen des Autors nachzuvollziehen, und das muss jeder für sich tun und keiner kann es ihm abnehemen. Dieses Interpretieren ist ein Zusammenspiel zwischen Einbildungskraft (ohne die es keine Ideen gibt) und fundierten Kenntnissen (ohne die man die historischen Ideen zu ihnen fremden Zwecken missbraucht). Das Wort “Philosophie” ist sinnvoll, wenn wir damit unsere Auseinandersetzung mit der Tradition bezeichnen. Die “philosophischen Institutionen” sind dann sinnvoll, wenn sie die geistige Fortentwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Tradition befördern.
Siehe auch: Keine philosophische Wissenschaft.
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