Wieso ist das wissenschaftliche Wissen überhaupt wahr? Wenn es wahr sein sollte, wieso stellt es sich in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder als falsch heraus? Warum sollte man die Naturwissenschaft gerade auf Experiment und Mathematik basieren? Gibt es überhaupt so etwas wie ein reines Experiment? Was ist die Mathematik überhaupt? Wieso sollten Eigenschaften der idealen mathematischen Welt auch auf die reale Welt zutreffen? Worauf sollte man die Geisteswissenschaften basieren? Nicht auf Experiment und Mathematik? Dann haben wir grundsätzlich mindestens zweierlei Wissenschaften?
Wenn man die Wissenschaft als Text auffasst, lösen sich sofort viele epistemologischen Fragen auf und es entsteht ein klares, einfaches, selbstkritisches Bild der Wissenschaft. Den Text im realitätsaufbauenden Modus einzusetzen, ist eine Fähigkeit des Menschen. Das tun wir, wenn wir sachlich sprechen. Alle Menschen von allen Zivilisationen und allen Zeiten verstehen den Text gleich. Das setzen wir ein, wenn wir Standpunkte diskutieren und uns dann einigen. Wieso wir überhaupt durch Anwendung des Textes einen gewissen Erfolg haben, wieso uns das für das praktische Tun und das Zusammenleben wie auch — wie wir uns einbilden — für das Verstehen nützlich ist, das ist ein Rätsel. Das ist aber auch das einzige Rätsel, denn aus dieser Tatsache ergibt sich der ganze Rest.
Die Wissenschaft entsteht, wenn Menschen sich organisieren, um einen größeren Text im realitätsaufbauenden Modus über längere Zeit aufzubauen. Wenn da die Logik angewendet werden muss und die Konsistenz oberstes Gebot ist, so ist das keine “metaphysische” Annahme, sondern einfach der Stoff, aus dem die Texte sind. Ein inkonsistenter Text ist ein schwacher Text. “Mathematik” ist der Name einer historisch entwickelten Wissenschaft, die Textstrukturen untersucht. Hier wird keine “ideale Welt” beschrieben, sondern die Formen des Textes. Deshalb gilt die Mathematik unbedingt für alle Menschen und deshalb gilt sie unbedingt für die Wissenschaft. Die Verallgemeinerung der Mathematik, die für alle Einzelwissenschaften gelten soll, ist die Wissenschaft der Textformen. Das ist die gemeinsame Grundlage von Natur- und Geisteswissenschaften, die Grundlage von allen Wissenschaften überhaupt, die somit der Wissenschaft im Ganzen Einheit gibt.
Der wissenschaftliche Text, über den man zu einem gewissen Zeitpunkt verfügt, ist natürlich unvollkommen. Nicht nur bedeckt er nicht alle Tatsachen, sondern enthält er auch Ungeprüftes (das sich als falsch heraustellen könnte) und Inkonsistenzen, man kann ihn außerdem immer strukturell verbessern. Es ist also selbstverständlich, dass das wissenschaftliche Wissen jeweils nicht wahr ist. Was wir Wissen ist immer falsch, wir können aber fortschreiten und zu besseren Texten kommen.
Die Frage, was wäre dann, wenn der wissenschaftliche Text vollendet wäre, wenn er alles einbeziehen würde und auch in seiner Struktur nichts mehr zu verbessern wäre, würde die Wissenschaft dann “alles” Wissen oder sich nur mit einem Teilaspekt der Realität begnügen müssen?, bleibe dahingestellt.
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