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Die zwei Wahrheitsideale

Wenn wir uns dem Verständnis des Wahrheitsbegriffs nähern wollen, sollen wir zunächst von der Bestimmung dessen, was die Wahrheit ist, Abstand nehmen, und uns mit der Bestimmung des Wahrheitsideals begnügen. Denn es gibt keine Aussage in der Form “Wahrheit ist …”, mit der alle Menschen übereinstimmen würden, dazu gibt es die unterschiedlichsten Positionen, einschließlich der Verneinung ihrer Möglichkeit. Es gibt aber durchaus viele Aussagen, von denen alle Menschen sagen würden, dass sie wahr sind, oder mindestens dass sie zutreffender sind als andere. Allein die alltägliche Sprache setzt schon ein Wahrheistverständnis voraus, ohne das man keine Behauptung aufstellen könnte. Es ist also eine feststellbare Tatsache, dass Menschen ein Wahrheitsideal haben.

Ich habe entdeckt, dass die Menschen zwei Wahrheitsideale haben, die nicht aufeinander zurückzuführen sind. Ausgehend von meinen Begriffen von Text und Idee ist es offensichtlich, dass es ein Wahrheitsideal der Texte und ein anderes Wahrheitsideal der Ideen gibt. Auf der einen Seite kann man sich etwas vorstellen und es für wahr halten. Die Wahrheit kommt hier unseren Vorstellungen (von mir Ideen genannt) zu. Eine ganz andere Bewandtnis hat es aber mit dem Text. Man kann beispielsweise das erste Newtonsche Gesetz für wahr halten. Dieses bedeutet aber nicht: Ich verstehe diesen Satz so, dass eine wahre Vorstellung in mir entsteht. Dieses bedeutet hier vielmehr: Diesen Satz hat man seit über zwei Jahrhunderten in tiefster Stelle des pysikalischen wissenschaftlichen Korpus verankert und hat einen durchschlagenden theoretischen und praktischen Erfolg gezeigt. Dieser Satz wurde von unzähligen Menschen mit den unterschiedlichsten Deutungen versehen, und nicht eine dieser Interpretationen soll man als wahr kennzeichnen, sondern den Satz allein. Die Wahrheit des Textes ist völlig unabhängig von unserer Interpretation davon.

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