Die konsequente Anwendung des Textbegriffs auf die Wissenschaft bringt ein objektives, solides, stabiles Kriterium für die wissenschaftliche Warheit hervor. Die Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnissen und Theorien bilden einen Text: die wissenschaftliche Spezifikation der Welt.
Die Spezifikation besteht zum einen aus der Beschreibung elementarer Tatsachen (die man unmittelbar beobachtet) und zum anderen aus deren Zusammenfügung in einem konsistenten theoretischen Rahmen. Die Theorie gründet man a) auf den Tatsachen und b) auf den Eigenschaften des Textes.
Die wissenschaftliche Spezifikation entspricht zu jedem historischen Zeitpunkt dem jeweiligen Wissensstand. Sie ist nie die endgültige Wahrheit, denn:
- Einige vergangene, gegenwärtige oder künftige Tatsachen sind nicht aufgenommen worden.
- Die bekannten Tatsachen und Theorien sind unterschiedlich gut gesichert.
- Die Theorie ist logisch nicht vollkommen: Die Spezifikation ist nicht einheitlich (verschiedene Regionen ohne Verknüpfung) und nicht ganz konsistent.
Das Kriterium für die Wissenschaft gewinnt man, indem man dessen gewahr wird und dementsprechend diese Maxime aufstellt: Wissenschaft ist Text. Man begründet Theorien nicht aus Vernunftgründen, sondern man spezifiziert sie in formaler Sprache, man integriert sie formal mit den anderen spezifizierten Erkenntnissen, man bewertet sie formal. Das heißt nicht, dass man eine Theorie erst dann akzeptiert, wenn sie formal unbedenklich ist, sondern, dass die Spezifikation einer Theorie immer vorläufig bleibt und verbessert werden kann.
Dieses Kriterium der Wissenschaftlichkeit stellt eine Verbesserung des bisherigen Ideals der Objektivität dar. Wir sagen nicht, dass der Wissenschaftler “sich nicht von Gefühlen leiten lassen soll”. Das kommt uns allzu dramatisch vor. Der Wissenschaftler kann so viele Gefühle haben, wie er möchte, das kann seine Leistung sogar verbessern. Die persönliche Überzeugung spielt in der wissenschaftliche Bewertung einer Theorie keine Rolle mehr, wenn man sich auf die Spezifikation als Text konzentriert. Wir sagen auch nicht, dass “die wissenschaftliche Wahrheit die Wahrheit ist”. Das kommt uns kindisch vor. Die wissenschaftliche Spezifikation der Welt vervollständigt nur das, was mit einer formalen Sprache von der Welt ausgesagt werden kann. Dieses hat überhaupt nichts zu tun, mit dem, was von der Welt gedacht werden kann. Denn auch wenn die wissenschaftliche Spezifikation jahrhundertelang stabil bleiben würde, könnte man sie immer wieder neu interpretieren.
Siehe auch: Das wissenschaftliche Korpus, Was Wissenschaftler tun.
Kommentar hinterlassen