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Grundbegriff: Der Text (1. Natürliche Sprachen)

Um zur Definition des Textes zu kommen, schauen wir uns zunächst die natürliche Sprache an. Denn auch wenn es nicht sofort klar ist, was ein Text genau ist, ist es offensichtlich, dass die Texte viel mit der Sprache zu tun haben. Dabei liegt unser Augenmerk auf das, was den Text objektiv ausmacht, im Gegensatz zu der Art und Weise, wie wir ihn beim Reden, Lesen und Schreiben erleben. Unsere Frage lautet also: Was macht den Text als solchen aus? Was ist da, wenn wir vor einem Text stehen?

Wenn wir vor einem Schriftstück stehen, gibt es da zunächst graphische Zeichen in Zeilen oder Spalten angeordnet. Dass aber ein Text kein Bild ist, leuchtet sofort ein, wenn man bedenkt, dass jeder kompetenter Sprecher den Text vorlesen kann, und dass jeder auch einsehen wird, dass verschriftliche und gesprochene Sprache hier identisch sind. Offensichtlich ist also ein Text keine materielle Realität und wir Menschen nehmen ihn daher nicht unmittelbar mit den Sinnesorganen wahr. Wahrnehmen können wir eine Textdarstellung, aber nicht den Text an sich.

Wenn die Sinnesorgane also ausgeschlossen sind, bleibt nur eins übrig, durch das die Texte wahrgenommen werden könnten, nämlich den Verstand. Wir sehen oder hören, dass ein Text da ist, dann, und nur dann, wenn wir ihn verstehen. Nur durch den Verstand können wir sicherstellen, dass die Zeichenfolge “hallo!” auf einem Blatt Papier dasselbe darstellt wie das von jemandem ausgesprochenen Wort “hallo!”.

Aber was ist wirklich da, wenn auf das Blatt “hallo!” steht oder wenn jemand “hallo!” sagt? Was verstehen wir? Nicht vergessen, dass wir nicht nach unserem Erlebnis fragen, sondern nach dem, was objektiv da ist. Sicher kann ich gewisse Gefühle empfinden, wenn ich ein “hallo!” höre. Sicher könnte auch etwa “hallo!” ein Zeichen einer Geheimsprache sein, das eine bestimmte Reaktion auslösen soll. Doch all dieses, das wir mit der Sprache assoziieren, hat mit dem Text an sich überhaupt nichts zu tun und gehört daher nicht zu einer fundamentalen Linguistik, wie wir sie hier betreiben möchten.

Dass dies mit dem Text an sich nichts zu tun hat, lässt sicht mit einem kleinen Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir: “Hallo heißt Glückwünsch. Hallo!” oder “Hallo heißt: Zur Hölle. Hallo!” Alles, was sprachlich mit “hallo!” zu tun hat, muss sowohl für den letzten Absatz wie für diesen gelten (denn sonst sprechen wir nicht von “hallo!” allein, sondern von etwas anderem). Was wir erleben ist natürlich etwas ganz anderes je nach Zusammenhang, das kann also nicht da sein und ist nicht dem Zeichen angeheftet, sondern ist von ihm deutlich zu trennen.

Was lässt sich nun von der Sprache aussagen, das immer unbedingt gültig ist, ganz abgesehen von dem Zusammenhang? Wir werden hier keine Entdeckung machen, denn dies kennt man mindestens seit der Antike (schon die Griechen haben eine Grammatik hervorgebracht). Was da ist, sind Wörter, die in verschiedenen (gebeugten) Wortformen zu Sätzen aneinander gereiht werden, Sätze, deren Folge Absätze, Abschnitte, Kapitel usw. bilden, und so fort.

Was ist also da, im Satz “ich bin müde”? Da steht, dass der Subjekt sich selbst in der Gegenwart den Zustand zuschreibt, “müde” zu sein. Was hier “müde”-Sein genau bedeutet, ja von wem die Rede überhaupt ist, das steht nicht im Satz selbst. Wenn wir es aufklären wollen, müssen wir nicht im Text an sich, sondern woanders suchen. Und je nach Umstände wird derselbe Satz zu sehr verschiedenen Zuständen, Subjekten und Zeitpunkten passen. Was konstant bleibt und außerdem von jedem kompetenten Sprecher sofort und zweifellos erkannt wird (dass jemand sich gegenwärtig “müde”-Sein zuschreibt), das nennen wir den Text.

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