Zum Inhalt gehen

Kopfloses Jahrhundert

In welcher Hinsicht ist unser Jahrhundert kopflos? Nicht, dass die Menschen auf einmal allesamt doof geworden wären. Nicht, dass sie persönlich aufgehört hätten, zu denken. Aber sie haben aufgehört zu verstehen. Was heißt verstehen? Verstehen ist, Einheit in der Mannigfaltigkeit zu entdecken. Und was unser Jahrhundert im Denken auszeichnet, ist, dass man stets bei der Mannigfaltigkeit bleibt, ohne auf die Einheit je aufzusteigen. Der Preis, den man zahlen muss, um die Kenntnisse zu erweitern, ist, sie von den anderen Kenntnissen unwiederbringlich aufzulösen. Wie schlecht es bei uns mit dem Verstehen bestellt ist, sieht man an der philosophischen Fakultät, die ja der Inbegriff des Denkens einer Gesellschaft darstellt. Hat die gegenwärtige philosophische Fakultät eine Aufgabe? Keineswegs. Unter den Lehrenden und Lernenden in diesem Fachbereich gibt es weder eine gemeinsame Sprache noch eine einheitliche Methodologie, nicht einmal eine ansatzweise einheitliche Vorstellung dessen, was Zweck und Ziel sein könnten. Jeder Professor ist entweder ein Spezialist, der in irgend ein Loch hineingefallen ist und aus dem er nie herauskommt, oder ein Dilettant, der sich hie und da etwas herauspickt. Deren Arbeit interessiert bestenfalls allein die, die sie selbst betreiben, und bringt der Gesellschaft nie einen Gewinn, weil sie keine Ergebnisse erzielt. Was die gegenwärtige philosophische Fakultät auszeichnet ist, allein, der Mangel an Einheit. Deshalb nennen wir sie kopflos. Weil wie interessant auch immer der Ansatz eines Einzelnen auch sein möchte, dieser überhaupt keinen Fortschritt der Gemeinschaft bewirkt. Denn man schreitet nicht fort, allein indem man läuft, sondern indem man gerade aus geht. Heute dreht man sich in der philosophischen Fakultät immer nur im Kreise. Und wenn in einer Gesellschaft die, die den Auftrag haben, zu denken, sich so zerfahren verhalten, ist der Kopflosigkeit des Ganzen zwangsläufig keinen Einhalt mehr zu gebieten.

Kommentar hinterlassen

Sie müssen sich anmelden, um einen Kommentar zu hinterlassen.