Die heute lebenden Menschen können überhaupt nichts mit meinem Textbegriff anfangen, und zwar nicht wegen der technischen Einzelheiten, sondern grunsätzlich, weil sie nicht die leiseste Ahnung von der Realität des Textes haben. Man hält Text und Idee nicht auseinander. Man steht vor einem Schriftstück und sieht überhaupt keinen Text, sondern die eigenen Ideen über das, worüber die Rede ist. Man nimmt in einem Gespräch teil und kann keinen Abstand von den Gefühlen gewinnen, die es erweckt. Man ist überhaupt nicht in der Lage, sich vor dem Text zu stellen und ihn von außen her zu betrachten, man kann ihn nur unmittelbar erleben. Und dies gilt von der Alltags- bis hin zur wissenschaftlichen Sprache. Für die Juristen und die Politiker sind die Gesetze genauso unauffällig, wie für die Mathematiker die rationalen Strukturen und für die Naturwissenschaftler die Theorien. Niemand kann sich träumen lassen, dass dahinter nichts anderes als der Text steht: der einzelne, natürlichsprachliche Text im Falle der Gesetzgebung, der einzelne, formalsprachliche Text in der Naturwissenschaft, die allgemeine Textstruktur im Falle der Mathematik. Wir hantieren täglich mit Texten mit der größten Selbstverständlichkeit, wir hinterlassen eine Nachricht, diskutieren eine Entscheidung, entwickeln Software, legen ein Examen ab, prüfen eine Theorie, und glauben, jedes Mal etwas völlig anderes zu machen, weil es für uns eine ganz andere Bedeutung hat. Die Realität dessen, was wir dabei eigentlich tun, ist jedoch nichts anderes als der Text, den wir da verfassen, umformen, prüfen oder beurteilen.
Siehe auch: Die Erfahrung des Textes.
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