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Glanz und Elend des World Wide Web

Das Web hat der Softwareentwicklung viel Neues eingebracht. Nicht absichtlich, sondern eher wie die Jungfrau zum Kind, wie man im Web-Report des Tim Berners-Lee, des Erfinders, feststellen kann (Econ Verlag, 1999). Man hat nämlich nach einer einfachen technischen Umsetzung von einem System zur Veröffentlichung von verlinkten Inhalten gesucht, und ist dadurch unvermerkt auf grundlegende Neuigkeiten in der Softwareentwicklung gestoßen. Man kan nur erstaunen, wie einfach es ist, für das Web eine Benutzerschnittstelle zu schreiben. In einer HTML-Seite braucht man nur zu sagen: Jetzt kommt ein Formular, das aus diesen Textblöcken und diesen Schaltflächen besteht, und schon ist das Formular da, und zwar für jedes Betriebsystem (keine Koordinaten-Angaben, keine DLL-Aufrufe, kein Code für die Darstellung nach Verschiebung oder Größenänderung des Fensters oder zur Behandlung der ausgelösten Ereignisse: dies ist alles nicht nötig!). Außerdem lässt sich der HTML-Code durch einen Preprozessor (etwa: PHP) erstellen, womit das Layout des Formulars programmatisch zur Laufzeit bestimmt werden kann. Und das alles mit einer Selbstverständlichkeit und Unmittelbarkeit, von der die herkömmlichen Programmierer (nicht nur etwa für C++, sondern auch in angeblich RAD-Werkzeugen wie VisualBasic, die außerdem jeweils an einem einzigen Betriebssystem gefesselt sind) nur träumen können. Am Stück verfügt man mit dem Web nicht nur über eine Sprache zur Seiten-Beschreibung, sondern über mächtigen Mitteln für dynamische Layouts (unvergleichbar mit den herkömmlichen statischen Koordinaten-basierten Systemen), und von einer Trennung zwischen Darstellung und Inhalt, die ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Dass das Web die herkömmliche Entwicklung zu befruchten Anfängt, kann man zum Beispiel an Microsofts .NET Plattform erkennen. Ein Fluß- und ein Tabellen-Layout Panel stehen schon seit einiger Zeit zur Verfügung, in der nächsten Version .NET 3.0 gibt es die Windows Presentation Foundation, die offensichtlich viele Lehren aus dem Web zieht. Damit ist aber die Arbeit nicht getan, und vom Web kann man noch mehr lernen. Was im Web alles anders gemacht wird wie bisher, das ist nicht unbedingt sofort ersichtlich, sonder erschließt sich erst nach Beobachtung, Vergleich und reiflicher Überlegung.

Auf der anderen Seite ist es für jeden, der sich für die saubere, lesbare, wartbare Programmierung interessiert, das Web eine unaustehliche Qual und ein großer Schritt zurück in die Vergangenheit. Die Web-Leute scheinen alle Entwicklungen in den Programmiersprachen seit den 60. Jahren völlig verschlafen zu haben. Noch nie gehört, dass der Code für den Menschen da ist, und nicht für den Rechner, und dass es Menschen sind, die ihn lesen und weiterentwicklen sollen? Die XML-Formatierung ist etwas unglaublich rückläufiges und kann nur von jemandem als “für den Menschen lesbar” eingestuft werden, für den “lesen” bloß “entziffern” bedeutet. Jedem, der die Eleganz der Programmiersprache PASCAL einmal bewundert hat, graust es, eine hunderte von Zeichen lange URL mit eingeschobenen kriptischen Parametern in der Browserzeile zu sehen. Für jeden, der seit Jahren den Code schön eingepackt in gut strukturierten Klassenhierarchien entwickelt, ist es eine demütigende Ohrfeige, mit ungenießbarem HTML-PHP-Spagethi-Code konfrontiert zu werden. Die tot geglaubten Cowboy-Programmierer scheinen wieder in der Tagesordnung zu sein. Zusammenfassend: Die im Prozess der Zivilisation der Softwareentwicklung überholt geglaubte Barbarei nimmt wieder zu.

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