Sprache und Text sind zwei grundverschiedene Phänomene: Es gibt Sprache mit und ohne Text, es gibt Text mit und ohne Sprache.
Mit Sprache meine ich generell und unspezifisch alles, was man so zu nennen pflegt, wie etwa das gegenwärtige Deutsche und Arabische, die Sprache Goethes, die Jugend-, Blumen- und Tiersprache.
Mit Text bezeichne ich hier spezifisch den in diesem Blog skizzierten Textbegriff: den Text als das objektive, symbolische Gebilde (s. Definition).
1. Sprache ist mehr als Text
Es ist wohl unnötig zu sagen, dass die Verbalsprache mehr ist als nur Text. Sprache drückt viel mehr aus als den bloßen Wortlaut, beim Sprechen mit Klang der Stimme, Tonfall, Tempo und Gebärde, in der verschriftlichen Sprache mit der materiellen Beschaffenheit der Unterlage und der graphischen Darstellung. Dies alles kann zwar analysiert und somit auch zu Text werden, doch ein solcher Text ist eine bloße Abstraktion, die das beschriebene Phänomen grundsätzlich nicht erschöpfen kann.
In diesem Sinn ist der Text nur ein Teilaspekt der Sprache, der Aspekt, der die Verbalsprache im Vergleich zu den anderen Sprachen charakterisiert. Ein Ausdruck in einer Verbalsprache (wie ein Lied zum Beispiel auch) ist also nicht ein Text, hat aber einen Text. Die Hunde, die Pferde und die Delphine haben auch Sprachen, ihre Ausdrücke haben aber keinen Text.
2. Text ist mehr als Sprache
Wenn man den Text eines gegliederten Buches ausmacht, so gehört die Gliederung auch dazu. Die Wörter bilden Sätze, diese Absätze, und diese wiederum Abschnitte, Kapitel, usw. Es gibt eine einzige hierarchische Struktur, die von den kleinsten morphologischen Wortbestandteile über die Abschnitte bis zum ganzen Text als Einheit reicht. Dieser Text ist nur bis zur Satz-Ebene sprachlich. Darüber hinaus hat die Textstruktur nichts mehr etwa mit der deutschen Sprache zu tun. Dass man Texte als Hierarchie von Überschriften verfasst, ist eine geschichtliche Erscheinung, die Quer über viele Nationalsprachen geht.
Siehe auch: Fundamentallinguistische Definition der Sprache.
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