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Kant und danach

Von Kants Kritikfähigkeit können wir noch lange zehren. Die nachfolgende, an ihn anknüpfende deutsche Philosophie, mögen ihre Verdienste in anderer Hinsicht groß sein, ist in puncto Wissenschaft zweifellos ein Rückschritt. Sicher hat  sich Kant gelegentlich auch von Intuitionen hinreißen lassen — wie er selbst über Rousseau schrieb, ist ohne Enthusiasmus niemals etwas Großes ausgerichtet worden. Und gewiss war sein Hauptanliegen ein Menschliches überhaupt und kein rein Theoretisch-technisches. Doch er hat immer alles der Wissenschaft untergeordnet, er hat immer das rationale, intersubjektiv erfassbare und prüfbare Gebilde als (wie er es nennt) Probierstein der Wahrheit angenommen. Kein Wunder, dass ihm die neuere Philosophie ein Dorn im Auge war. Mit 72 Jahren beschwerte er sich über den gefühlsbetonten neuen Ton in der Philosophie, mit der unschlagbarer Begründung, der Mensch sei der intellektuellen Anschauung nicht fähig, man könne deshalb nur durch vernünftige Argumente vorankommen, und der vornehme Ton sei unangebracht, weil dieser den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Menschen in wissenschaftlichen Fragen zerstört.

Im Grunde ist wohl alle Philosophie prosaisch; und ein Vorschlag, jetzt wiederum poetisch zu philosophieren, möchte wohl so aufgenommen werden, als der für den Kaufmann: seine Handelsbücher künftig nicht in Prosa sondern in Versen zu schreiben.

[Quelle]

Die Bestimmung des Menschen

Nicht bloßes Wissen, sondern nach deinem Wissen Tun ist deine Bestimmung: so ertönt es laut im Innersten meiner Seele, so bald ich nur einen Augenblick mich sammle und auf mich selbst merke. Nicht zum müßigen Beschauen und Betrachten deiner selbst, oder zum Brüten über andächtigen Empfindungen, — nein, zum Handeln bist du da; dein Handeln und allein dein Handeln bestimmt deinen Wert.

Johann Gottlieb Fichte: Die Bestimmung des Menschen (=Universal-Bibliothek Nr. 1201), Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1962, S. 106

Alleskönner

In der Welt der Softwareentwicklung trifft man häufig auf Leute, die glauben, ein Alleskönner-Programm schreiben zu können oder gar geschrieben zu haben. Der eine erfindet eine Textaufzeichnungsprache und glaubt, damit alles darstellen zu können, der andere meint, durch eine allgemeine Zeigerstruktur zwischen beliebigen Einheiten auf die relationalen Datenbanken verzichten zu können, der dritte träumt davon, mit einer schlichten Webanwendung große Client-Server Informationssysteme zu ersetzen, usw. Das ist vor allem verbreitet unter Leuten, die zum ersten Mal Kontakt mit der Entwicklung und noch wenig Erfahrung damit haben. Eine totale Fehleinschätzung. Die Software kann nicht völlig allgemein sein. Das völlig Allgemeine ist der bloße Rechner ohne Betriebssystem: Alles ist da noch möglich, doch nichts ist schon wirklich. Realität ist — wie Hegel entdeckt hat — Einschränkung.

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Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden

Viele Ansätze, die darauf zielen, den “richtigen Weg” für die Wissenschaft zu finden, Wahrheit von Irrtum, Sein von Schein zu unterscheiden, sind deshalb völlig unbrauchbar, weil sie von einer statischen Wahrheitsauffassung ausgehen. Sie sagen: Unter diesen oder jenen Umständen kommen wir zur Gewissheit über dieses und jenes. Das halte ich für grundfalsch, denn die Wahrheit kann streng genommen nur als Ideal, das heißt etwas erstrebenswertes, das dem Gang eine Ausrichtung gibt und selbst nie endgültig erreicht werden kann, aufgefasst werden. Es gibt keine Erkenntnis, die in der Wissenschaftsgeschichte ein für allemal stünde, schon gar nicht das Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Ganzen. Die einzig mögliche wissenschaftliche Auffassung von Wahrheit sieht für die Wissenschaft allein die Möglichkeit vor, etwas nicht als “wahr“, sondern als “besser” zu bezeichnen. Was man warum für besser hält, lässt sich selbst auch nicht ein für allemal festmachen, sondern gehört auch zum wissenschaftlichen Korpus. Jeder Fall, jede Entscheidung muss ausdrücklich, formal und öffentlich von der wissenschaftlichen Gemeinschaft sanktioniert und im Korpus festgehalten werden. Die Wissenschaft gibt nicht deshalb Sicherheit, weil sie alles weiß, sondern weil sie selbstkritisch und lernfähig ist. Das wissenschaftliche Wissen ist nicht “wahr”, aber — in seiner Art — das beste, das wir haben.

Philosophiewissenschaft und Ideen

Einerseits bestehen wir auf die grundsätzliche Trennung von Ideen und Text und behaupten, nur der Text lasse sich wissenschaftlich sichern und die Ideen seien von der Wissenschaft vollständig auszuschließen. Andererseits fassen wir die Philosophie als Beschäftigung mit Ideen auf und streben eine Philosophiewissenschaft an. Sind wir denn hier in ein Widerspruch geraten? Wie kann es überhaupt eine Wissenschaft von (den philosophischen) Ideen geben?

Die Philosophiewissenschaft ist eine Wissenschaft, deren Untersuchungsobjekt Ideen sind. Dabei handelt es sich nicht um Ideen, die die Wissenschaftler selbst haben — das wäre eine Unmöglichkeit –, sondern um Ideen, die es in der Geschichte tatsächlich gegeben hat, nämlich um Ideen von bestimmten Einzelpersonen, den Philosophen, jeweils zu einer Zeit und an einem Ort. Die wissenschaftliche Tätigkeit besteht da nicht darin, die Ideen innerlich “nachzuvollziehen” — was die Wissenschaft grundsätzlich nicht leisten kann –, sondern darin, sie durch die von uns avisierte Ideenanalyse zu spezifizieren. Salopp ausgedrückt führt die Wissenschaft nicht unmittelbar zur “richtigen Intuition” jener Ideen, sondern vermeidet nur allzu großen Interpretationsfehler. Dadurch, dass einige Merkmale der Ideen klar und deutlich ausgemacht werden, kann derjenige, der solche Ideen nachzuvollziehen versucht, einige Irrwege vermeiden.

Das hat aber nicht zur Folge, dass die Philosophiewissenschaft eine “schwache” Wissenschaft werden muß. Ob sie schwach oder stark wird, hängt nur davon ab, wie weit sie mit der Merkmalbestimmung kommt, wie ausführlich und wie tiefgründig ihre Analyse ist. Grundsätzlich unterscheidet sich das überhaupt nicht von der Arbeit, die die Physik für das Verständnis der physischen Welt leistet: Sie äußert bestimmte Verhältnisse, Wesenheiten (was ist wesentlich “Energie”, oder “Kraft”, gar “Materie”?) sind nicht ihr Geschäft.

Fundamentallinguistische Definition der Sprache

Eine Sprache besteht — fundamentallinguistisch betrachtet — aus einem Symbolbestand (Lexik) samt symbolischen Verbindungsmöglichkeiten (Grammatik). Für die Gesamtheit der bereits existierenden Texte, die eine Sprache einsetzen, stellt die Sprache eine mehr oder minder klar begrenzte architektonische Schicht dar: Die Struktur des Korpus ist so, dass nur bestimmte Symbole vorkommen (Lexik) und dass die vorkommenden Symbole nicht beliebig frei, sondern nach bestimmten Regeln verknüpft werden (Grammatik). Für die Textproduktion stellt eine Sprache ein Textinstrument dar, sie ist ein Werkzeug zur Herstellung von Texten. Indem man wenige Symbole mit wenigen Verknüpfungen zusammenstellt, bringt man durch die im Voraus bestehende Ladung der eingesetzten Sprache im Endeffekt einen enormen Text hervor, der aus vielen Symbolen und vielen Verknüpfungen besteht. Wie jedes andere Werkzeug auch funktioniert die Sprache so: Indem sie die Freiheit verengt, bringt sie herkömmliche Ergebnisse mit geringem Einsatz hervor. So wie jeder mit einem PKW in kürzer Zeit Entfernungen zurücklegen kann, an die gehend nicht zu denken wäre, indem man auf die Freiheit des Gehenden verzichten, den Weg selbst zu bestimmen, und sich auf Straßen und Autobahnen beschränkt, so drückt auch die Sprache symbolisch enorm dichte Aussagen dadurch aus, dass man auf die völlige symbolische Freiheit verzichtet und allein über im Voraus bestehenden Bahnen verkehrt. Die Sprache ist also keine grundsätzliche Voraussetzung für die Textproduktion, genauso wie das Flugzeug und das Auto keine Voraussetzung für die Fortbewegung sind, sondern ein Mittel dazu. Und wie die Fortbewegungsmitteln auch ist die Sprache eine technische Errungenschaft, deren Entwicklung der Mensch nicht als zufällige Erscheinung hinnehmen, sondern selbst in die Hand nehmen soll.

Die Sichtweise des Organons

Wenn das Organon eine Erscheinung untersucht, sieht es sie unter einem einzigen Aspekt: es sieht einen Text. Wie etwas auf uns Menschen wirkt, ist Nebensache, es geht nur darum, welchen Text dem unterliegt. In einem Disput, einer wissenschaftlichen Theorie, einem Gesetz, einem Softwareprogramm, einem politischen Vorhaben oder einer wirtschaftlichen Maßnahme konzentriert sich das Organon auf den unterliegenden Text, analysiert ihn strukturell und begrifflich und kann die Sache eventuell weiterbringen, indem es Missverständnisse aufdeckt oder Begriffsdefinitionen vorschlägt, die zum Erfolg führen. Das Organon ist universell ohne selbst ein Alleskönner zu sein, dadurch dass er die Textstruktur, die der Mensch überall einsetzt, bearbeitet.

Textorientierte Softwareentwicklung

Die Textorientierung lässt sich auf allerlei Software anwenden, auch auf die Softwaresysteme, durch die Software entwickelt wird. In einem textorientierten Entwicklungssystem gibt es einen zentralen Textserver, in dem von Quellcode, Entwurfsdokumenten und Anforderungsspezifikationen bis hin zu den Bug-Tracking-Tickets über sämtliche die Software betreffende Kommunikation verwaltet wird.

Der Textauszugsdienst liefert bei Bedarf Ansichten, in denen die Zusammenhänge zwischen beliebigen Elementen, von E-Mail-Austausch bis Quellcode, von Pflichtenheft bis Designentscheidung, nachzuvollziehen ist. Der lexikalische Textdienst ermöglicht nicht nur die begriffliche Navigation durch das ganze Textkorpus in Form von Wörterbüchern und Konkordanzen, sondern unterstützt mehrere Namenssysteme und ermöglicht es, jederzeit lexikalische Änderungen (lexikalische Umbenennungen, Spaltungen, Vereinigungen) vorzunehmen.

Auch der Quellcode ändert sich durch die Textorientierung vollständig, denn er besteht nicht mehr aus getrennten Dateien, jeweils mit einer Zeichenkette, die vom Compiler einzeln übersetzt wird, sondern der ganze geparsete Quelltext wird in den zentralen Universaltext abgelegt und daraus vom Compiler abgefragt. Das ermöglicht die Befreiung von der in einzelnen Dateien festgeschriebenen Kodierung, in dem Sinne, dass der Quelltext in verschiedenen Textauszügen und unter verschiedenen Namenssystemen angezeigt und bearbeitet werden kann. Das eröffnet aber auch ganz neue Möglichkeiten der Quellcode-Umschreibung, durch die selbstständige Schicht des Quelltextes, die zwischen Spezifikation und Implementation liegt.

Einheit der Wissenschaft

Der alte Menschheitstraum der Einheit aller Wissenschaften lässt sich durch ein stoffliches, formales, einheitliches wissenschaftliches Korpus verwirklichen. Wohlgemerkt ist hier weder von der gesellschaftlichen Organisation “Wissenschaft” noch von wissenschaftlichen Ideen die Rede. Dass die Wissenschaftler sich nach “Disziplinen” gruppieren, womit sie neben Erkenntnissen auch Mentalität, Visionen — und Irrtümer — miteinander teilen, ist nützlich und soll so bleiben, es soll auch keine “Grunddisziplin” geben, auf der alle anderen basieren. Nur sollen diese Einzeldisziplinen als praktische Mitteln angesehen werden, durch die sich der wissenschaftliche Betrieb organisiert, und von den von ihnen erzielten Erkenntnissen sauber getrennt werden. Diese Ergebnisse sollen in das wissenschaftliche Korpus einfließen, und zwar alle Ergebnisse von allen Disziplinen in ein und dasselbe Korpus. Dadurch wird erstmal die bloß formale Einheit der Wissenschaften erreicht. Die inhaltliche Einheit kann dann nach und nach vertieft werden, indem eine wissenschaftliche Arbeit über das Korpus verrichtet wird, die anfangs getrennt liegende Korpusbereiche miteinander verknüpft. Es handelt sich um die organonische Arbeit der begrifflichen und textstrukturellen Rationalisierung, ein fortwährender Prozess ohne ein endgültiges Ende.

Allgemeines und Besonderes in der Wissenschaft

Unser Ansatz — ganz anders als üblicherweise — hält nicht das Allgemeine, sondern das Besondere für das Objekt der Wissenschaft. Die Rede, dass die Wissenschaft sich nicht um Einzelfälle bemüht, sondern um Regeln, widersprechen wir mit aller Kraft. Denn dieses passt nur zu Physik und Mathematik und abgeleiteten Disziplinen und passt überhaupt nicht zu Geschichte, Archäologie, Paläontologie etc. Wir hingegen halten die einzelne gesicherte Erkenntnis für das Objekt der Wissenschaft. Wir subsumieren jeden Gegenstand unter einem Typ, und sagen: Die Erkenntnis über diesen Baum ist die Erkenntis über ein bestimmtes Vorkommen des Typs “Baum”; die Erkenntnis über eine gewisse Regel ist die Erkenntnis eines Einzelfalls vom Typ “Regelmäßigkeit”. In der Welt gibt es nunmal Bäume, Häuser, Völker, vergangene Zivilisationen, Städte, physikalische Regelmäßigkeiten (”Naturgesetze”), psychologische Regelmäßigkeiten, soziologische Regelmäßigkeiten usw. Eine Erkenntnis wird nicht zu Wissenschaft, weil sie von Regeln handelt, sondern, weil sie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft gesichert worden ist. Zum wissenschaftlichen Korpus gehören Sätze über einzelne Personen und Geschehenisse ebenso wie Sätze über vielen Einzelfällen unterliegende Regelmäßigkeiten.

Ohne Metaphysik?

Unter den metaphysischen Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts gibt es welche, die durchweg belehrend sind, die sich wichtige Fragen stellen und interessante Antworten liefern. Landet man nach deren Lektüre wieder in die Gegenwart, so erstaunt man, wie kopflos wir heute herumlaufen und welcher Mangel an Gründlichkeit uns auszeichnet. Die gegenwärtige Scheu vor der Metapyhsik hat nicht zur Folge, dass wir frei von Metaphysik leben, sondern ganz im Gegenteil bindet uns das an die Scholle einer grottenschlechten Metaphysik. Denn ohne Metaphysik zu leben, kann der Mensch nicht. Er kann sie nur pflegen und ausreifen lassen oder aber — wie in unserem Jahrhundert — schwächen und verkommen lassen.