Kant und danach
Von Kants Kritikfähigkeit können wir noch lange zehren. Die nachfolgende, an ihn anknüpfende deutsche Philosophie, mögen ihre Verdienste in anderer Hinsicht groß sein, ist in puncto Wissenschaft zweifellos ein Rückschritt. Sicher hat sich Kant gelegentlich auch von Intuitionen hinreißen lassen — wie er selbst über Rousseau schrieb, ist ohne Enthusiasmus niemals etwas Großes ausgerichtet worden. Und gewiss war sein Hauptanliegen ein Menschliches überhaupt und kein rein Theoretisch-technisches. Doch er hat immer alles der Wissenschaft untergeordnet, er hat immer das rationale, intersubjektiv erfassbare und prüfbare Gebilde als (wie er es nennt) Probierstein der Wahrheit angenommen. Kein Wunder, dass ihm die neuere Philosophie ein Dorn im Auge war. Mit 72 Jahren beschwerte er sich über den gefühlsbetonten neuen Ton in der Philosophie, mit der unschlagbarer Begründung, der Mensch sei der intellektuellen Anschauung nicht fähig, man könne deshalb nur durch vernünftige Argumente vorankommen, und der vornehme Ton sei unangebracht, weil dieser den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Menschen in wissenschaftlichen Fragen zerstört.
Im Grunde ist wohl alle Philosophie prosaisch; und ein Vorschlag, jetzt wiederum poetisch zu philosophieren, möchte wohl so aufgenommen werden, als der für den Kaufmann: seine Handelsbücher künftig nicht in Prosa sondern in Versen zu schreiben.
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